[[Bild:2006-tallinn-15.jpg|thumb|Tristesse in einer verregneten Altstadt]]
Die '''Tristesse''' bezeichnet ein [[Gefühl]] oder einen [[Ästhetik|ästhetischen Eindruck]] der [[Traurigkeit]], der Trübseligkeit, des [[Jammer]]s oder der Ödnis. Sie kann sowohl zur Beschreibung von [[Emotion]]en oder [[Stimmung (Psychologie)|Stimmungen]] als auch zur Bezeichnung von Zuständen, Gegenständen oder Orten verwendet werden. In diesem Fall drückt der Begriff [[Langeweile]], Geistlosigkeit oder Mangel an Abwechslung aus.
Tristesse wird in Deutschland seit Ende des 18. Jahrhunderts verwendet. Der Begriff ist ein Lehnwort aus dem [[Französische Sprache|Französischen]]. Nach [[Friedrich Seiler]] wurde er aus einem Bedürfnis nach reicherer und feinerer Abtönung des Ausdrucks, das aus einer zunehmenden Vertiefung und Verfeinerung der Anschauung resultiert, zusammen mit einer ganzen Reihe von Beiwörtern übernommen.<ref>Friedrich Seiler: ''Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des deutschen Lehnworts''. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle an der Saale 1912, S. 213ff.</ref>
Bei der Entlehung des Worts fand ein Bedeutungswandel statt, bedeutet Tristesse im Französischen noch einfach: „Traurigkeit“, erhielt der Begriff im Deutschen eine ästhetische Dimension. Eine enge Verzahnung zwischen Emotion und Gefühl Ästhetik ist jedoch schon alt. [[Augustinus von Hippo]] fragte in seiner Schrift ''[[De vera religione]]'' schon im 4. Jahrhundert: ''Quaeram utrum ideo pulchra sint, quia delectant; an ideo delectent, quia pulchra sunt.'' (Sind die Schönen Dinge deshalb schön, weil sie Freude bereiten, oder bereiten sie Freude, weil sie schön sind?)<ref>Augustinus von Hippo: ''De vera religione'', Kapitel 32.</ref> Eine Verwendung emotionaler Termini zur Beschreibung ästhetischen Empfindens ist zudem im Deutschen häufig (Beispiele: ''ein trauriges Bild'', ''ein freundliches Arrangement'').
Im Französischen ist der Begriff erstmals 1145 in einer Schrift des normannischen Dichters [[Wace]] mit dem Titel ''La conception de Notre Dame'' belegt.<ref>Wace: ''La conception de Notre Dame''. Herausgegeben von W. R. Ashford. University of Chicago, Chicago 1933, S. Seite 469.</ref> Zu finden ist das Wort auch in dem ''Roman de Troie'' des [[Bénoît de Sainte-Maure]] aus dem 12. Jahrhundert.<ref>Bénoît de Sainte-Maure: ''Roman de Troie''. Herausgegeben von L. Constans. Firmin Didot, Paris 1904, S. Seite 5260.</ref> Beispiele für die Verwendung des Wortes ''tristesse'' im 17. Jahrhundert sind 1683 bei [[Nicolas Boileau]]<ref>Nicolas Boileau: ''Le Lutrin''. In: Ch.-H. Boudhors (Hrsg.): ''Odes''. 2. Auflage, Paris 1960, S. Seite 165.</ref> oder 1611 bei [[Randle Cotgrave]]<ref>Randle Cotgrave: ''A Dictionarie French and English. Published for the benefite of the studious in that language.''Reprint, Edition Olms, Hombrechtikon / Zürich 1977.ISBN 9999082823</ref> zu lesen. Im späten 19. Jahrhundert finden sie sich unter anderem bei [[Léon Cladel]] in ''Ompdrailles, le Tombeau-des-Lutteurs'' aus dem Jahr 1879.<ref>Léon Cladel: ''Ompdrailles, le Tombeau-des-Lutteurs''. Cinqualbre, Paris 1879, Seite 103.</ref>
In den anderen stark vom Französischen beeinflussten [[Dialekt]]en und Kleinsprachen ist der Terminus stets ähnlich, so wird aus dem französischen ''triste'' im [[Wallonische Sprache|Wallonischen]] ''triss'' und im [[Provenzalische Sprache|Provenzalischen]] ''trist'' oder ''triste''. Auch in anderen [[Romanische Sprachen|romanischen Sprachen]] bleibt der [[Wortstamm]] erhalten, Beispiele seien das [[Italienische Sprache|italienische]] ''triste'' und das [[Spanische Sprache|spanische]] ''triste''.<ref>[http://francois.gannaz.free.fr/Littre/xmlittre.php?requete=triste&submit=Rechercher francois.gannaz.free.fr]</ref>
== Wahrnehmung des Tristen ==
[[Bild:2006-tallinn-15.jpg|thumb|left|Tristesse in einer verregneten Altstadt]]
Kunstwerke gelten dann als schön, wenn sie facettenreich, reichhaltig und sinnstiftend sind.<ref>Walter Schurian: ''Psychologie Ästhetischer Wahrnehmungen''. Westdeutscher Verlag, Obladen 1986, Seite 61, ISBN 3531117939.</ref> Eine solche „schöne“ ästhetische Wahrnehmung lässt den Betrachter ein [[Glück]]s<nowiki>gefühl</nowiki> empfinden. So schrieb zum Beispiel schon [[Ludwig Wittgenstein]]:
: „''Die fröhliche ‚Tunten‘-Welt der Homosexuellen wird in zahlreichen Bars vorgeführt, doch ihre Farbenpracht und ‚gaiety‘ verbergen nur notdürftig ihre depressiven und häufig quälenden Aspekte.''“<ref>Joyce McDougall: ''Plädoyer für eine gewisse Abnormalität.'' Psychosozial-Verlag, Frankfurt am Main 1985, Seite 61. ISBN 3898061132</ref>
=== Alltag und Massenproduktion ===
Für viele Menschen ist der Begriff [[Alltag]] zum Inbegriff von Tristesse geworden. Ihnen fällt es schwer sich an die Monotonie routinemäßig ablaufender Zeitzyklen zu gewöhnen. Insbesondere die Alltagsverliebtheit des abfallend bezeichneten [[Spießbürger]]tums und des [[Kleinbürger]]tums wird häufig als trist empfunden. Sie wurde Motiv vieler künstlerischer Umsetzungen, besonders [[Hermann Hesse]] ist bekannt für seine Hassliebe auf die [[Pedanterie]] der Bürgerlichkeit.
:„''Ich habe das gern, auf der Treppe diesen Geruch von Stille, Ordnung und Sauberkeit, Anstand und Zahmheit zu atmen, der trotz meinem Bürgerhass immer etwas rührendes für mich hat, und ich habe es gern, dann über die Schwelle meines Zimmers zu treten, wo das alles aufhört, ...''“<ref>Hermann Hesse: ''Der Steppenwolf.'' in ''Gesammelte Werke, Band 10.'' Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987. Seite 208. ISBN 3518381008''</ref>
Andererseits erfreut sich der Alltag auch immer wieder einer großen Beliebtheit. [[Siegfried Kracauer]] entdeckt sogar eine neue „''Exotik des Alltags''“.<ref>Siegfried Kracauer: ''Die Angestellten.'' Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1980. Seite 11. ISBN 3518365134</ref> In der Tat scheinen viele Menschen bemüht zu sein die Tristesse des Alltags zu überwinden.
Oft wird auch die [[Fließbandfertigung]] und die industielle Massenproduktion zur Metapher für das Gefühl der Tristesse. Die Vorstellung gezwungen zu sein immer wieder den gleichen Handgriff auszuführen wirkt auf viele Menschen geradezu grotesk. Diese triste Umgebung wird zum Beispiel im Film [[Moderne Zeiten]] von [[Charles Chaplin]] karikiert.
== Tristesse in der Kunst ==
:''Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt –''
:''die Himmel segnen nicht, nur die Zypresse''
:''der Trauerbaum, steht groß und unbewegt.''“<ref>Gottfried Benn: ''Tristesse'' in ''Sämtliche Gedichte.'' Klett-Cotta, Stuttgart 1998. Seite 316. ISBN 3608934499 Seite 316</ref>
1954 erschien in Frankreich ''[[Bonjour tristesse|Bonjour Tristesse]]'', der erste Roman der 18-jährigen Françoise Sagan über die Trauer des Erwachsenwerdens. Ihr Buch wurde ein internationaler Bestseller und bereits 1958 durch [[Bonjour tristesse (Film)|Otto Preminger verfilmt]]. Der Romantitel wurde im Deutschen zum geflügelten Wort.
=== Musik ===
In der [[Musik]] wird Tristesse vor allem durch [[Monotonie (Phonetik)|Eintönigkeit]] erreicht, aber auch schwere [[Moll]]-Akkorden erzeugen beim Hörer ein düsteres, tristes Empfinden. Fritz Göttler beschreibt [[Wolfgang Amadeus Mozart|Mozarts]] [[Die Zauberflöte]] als Inbegriff der europäischen Tristesse.<ref>Fritz Göttler: ''Im Geiste Mozarts'' in ''Filmmuseum München, Programmheft 01/07'' [http://www.stadtmuseum-online.de/aktuell/progheft10.pdf]</ref> Generell gilt, dass, je häufiger Musik gehört wurde, desto trister der Eindruck ist, den sie hinterlässt. Gute Musik kann jedoch dazu dienen, phantastische Freiräume zu schaffen, als Ansporn, der Tristesse der Realität zu entfliehen. [[Bild:Water drop animation enhanced small.gif|thumb|left|[[George Brecht]] vertonte das Tropfen eines Wasserhahns]]
Das Empfinden von Musik ist aber sehr stark mit dem [[Zeitgeist]] verknüpft. Zum Beispiel [[Techno]], eine Musikrichtung, die stark auf das Stilmittel des [[Repetitives Arrangement]]s zurückgreift und der so durch ständige Wiederholung einzelner kurzer Fragmente eine gewisse Eintönigkeit innewohnt, galt in den 1990ern als Symbol für sexuelle Freiheit oder sogar [[Hedonismus]]. Fast 20 Jahre später hat sie diese Rolle aber eingebüßt und die innewohnende Tristesse steht stärker im Vordergrund, wie ein namenloser Kritiker bei einer CD-Kritik betont:
[[Bild:Water drop animation enhanced small.gif|thumb|left|[[George Brecht]] vertonte das Tropfen eines Wasserhahns]] :„''Nun ''([[sic]])'' zehn Jahre später, hat das Modell Techno längst nicht ausgedient, ist aber wieder entweder in jene Subkultur zurückgekehrt, aus der es ursprünglich kam, oder feiert nach wie vor in Großraumdiscos ein gleichsam verwässertes wie schales Dasein, das an biederer Tristesse wohl gemeinhin nicht zu überbieten ist.''“<ref>[http://www.prosieben.de/music_cd/showmusic/index.php?6331 CD-Kritik auf Pro7.de]</ref>
[[Joachim Bessing]] beschreibt sogar in seinem Buch ''Tristesse Royal''sogar,<ref>Joachim Bessing: ''Tristesse Royal. Das popkulturelle Quintett. '' List, Berlin, 2001. ISBN 3548600700</ref> dass die Empfindung von Musik stark von den Menschen abhängt, die diese Musik hören. So schreibt er:
:''„Das Das Konzert ist die Urerfahrung, mit wem du deine Musik teilst. Wenn neben dir Stumpfstudenten stehen, die jede Zeile mitsingen, weil sie es witzig finden, und selbstironisch mitsingen mitsingen, das ist dann eine ganz harte Grenzerfahrung.''“
In einigen [[Subkultur]]en, wie beispielsweise in der [[Dark Wave|Dark-Wave]]-Szene, der [[Gothic (Kultur)|Gothic]]- oder der [[Metal]]-Kultur, gibt es, wie im [[Humanismus]] oder auch in der [[Romantik]], eine Hinwendung zum Gefühl der [[Melancholie]]. Hier ist düstere oder auch triste Musik gefragt. Bandnamen wie , der deutschen Band [[Tristesse de la Lune]] oder aus dem lateinischen abgeleitete Bandnamen wie der der norwegischen Gruppe [[Tristania]] oder [[Tristitia]] aus Schweden verdeutlichen dies. Der Begriff ist in diesem Fall allerdings nicht mehr ausschließlich negativ konnotiert, sondern wird auch für Werbezwecke verwendet.<ref>[http://www.memuru.de/index.php?dat=2003-10-27 Beispiel für die Verwendung des Begriffs Tristesse in einer Kritik einer CD der Band Tiamat]</ref> Ästhetisch eher triste Musik ist aber nicht auf diese Subkulturen beschränkt, Bands wie [[The Cure]], [[Joy Division]] oder [[Dead Can Dance]] sind berühmt für ihre eher depressive und mitunter tristen Stücke. Auch in der Popmusik sind triste Motive immer wieder anzutreffen.<ref>[http://www.zeit.de/2007/10/W-Tokio-Hotel Zeit Artikel über Tokio-Hotel „Tristesse für Millionen“]</ref>
Sehr eintönige Musik findet sich auch in der [[Minimal Music]] und in der Musik der französischen [[Avantgarde]]. Vor allem in der [[Serielle Musik|Seriellen Musik]] wird als ein Stilmittel mitunter ein Ton sehr lange, manchmal minutenlang gehalten. Auch der Der [[Fluxus]]-Künstler [[George Brecht]] komponierte 1963 „''Water-Yam''“ , Stücke aus dem Tropfen eines [[Wasserhahn (Technik)|Wasserhahns]]. Solche minimalen bis monotonen Stücke haben eine ungeheure große immanente Tristesse, aus der sich aber . Häufig wird jedoch beim Hören dieser Art von Musik auch eine große Spannung ergibt([[Suspense]]) empfunden.
=== Malerei ===
[[Bild:Jan van Goyen 006.jpg|thumb|right|[[Jan van Goyen]]: Landschaft mit zwei Eichbäumen (1641)]]
[[Bild:Caspar David Friedrich 029.jpg|thumb|right|[[Caspar David Friedrich]]: Mönch am Meer (um 1808-1809/9)]]
In der [[Malerei]] spielt das Gefühl der Tristesse vor allem in der [[Landschaftsmalerei]] eine große Rolle. Hier kann mit grauen, braunen oder erdigen Tönen oder mit tiefhängenden, schweren Himmeln leicht eine triste Stimmung erzeugt werden.<ref>Georg Jakob Wolf: ''Joseph Schmid-Fichtelbergs Landschaften'' in ''Die Kunst, Monatshefte für freie und angewandte Kunst XXXXI.'' F. Brickmann A.-G. München 1920. Seite 104</ref>
Beliebt war dieses Motiv in der Niederländischen Landschaftsmalerei des späten 17. Jahrhunderts, vor allem [[Jacob van Ruisdael]] und [[Jan van Goyen]] malen in dieser Zeit oft düstere und schwermütig wirkende Landschaften mit dramatischen Wolkenformationen, absterbenden Bäumen und herabstürzenden Wasserfällen. Diese Bilder werden zu Ausdrucksträgern subjektiver Empfindung und des Gefühls der Tristesse. Da zu dieser Zeit die [[Melancholie]], wenn auch schon seit Seit dem [[Humanismus#Humanismus_als_Epochenbegriff|Humanismus]] als „avancierte die [[Melancholie]] zu einer [[Modekrankheit]]“ , und galt, wurden die Bilder durch die auch in der [[Romantik]]er sehr wertgeschätztals schick. Aus diesem Grund trafen die Bilder bei einem großen Publikum auf Wertgeschätzung.
Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war vor allem [[Caspar David Friedrich]] für die Tristesse in seinen Bildern berühmt. Er verkörperte den typischen Romantiker: Er , er war eher [[introvertiert]], weltscheu, naturverbunden und religiös. Seine Bilder werden oft als melancholisch interpretiert: seine Gedanken . Die Themen kreisten oft um Sein, Vergehen und Werden. So , so hat er sich zum Beispiel gefragt:
: „''Warum, die Frag’ ist oft zu mir ergangen, wählst du zum Gegenstand der Malerei so oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? Um ewig einst zu leben, muss man sich oft dem Tod ergeben.''“
Dabei entfernt entfernte sich Caspar David Friedrich immer mehr vom von dem zu seiner Zeit verbreiteten Motiv des Erhabenen, das einen angenehmen Schauer auslösen sollte, als Motiv. Statt schaurig-schöner dieser Erhabenheitsinszenierung entstehen schafft er eindringliche Dokumente kaum ertragbarer Grenzerfahrungenvoller Tristesse. [[Heinrich von Kleist]] fasst dies in dem berühmten Text ''Verschiedene Empfindungen vor einer Seelandschaft von Friedrich'' in die Worte:
: „''Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die [[Apokalypse]] da, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.''“<ref>Heinrich von Kleist: ''Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft'' in Reinhold Steig (Hrsg.) ''Heinrich von Kleist’s Berliner Kämpfe.'' Spemann,Berlin, Stuttgart, 1901. Seiten 262-268</ref>
[[Vincent van Gogh]] wollte mit betont bunten Bildern der Tristesse des [[Alltag]]s entfliehen, häufig verwendete er sogar Fehlfarben. Die dunklen Himmel vieler seiner Bilder lassen seine Motive aber dennoch eher trist und bedrückend wirken.<ref>Vincent van Gogh: ''Sämtliche Briefe.'' Fritz Erpel (Hrsg.) Henschel-Verlag, Berlin (DDR) 1965 & 19681965–1968, Neuauflage: Lamuv Verlag, Frankfurt am Main, 1985. ISBN 3889770401</ref>
=== Fotografie und Film ===
Die [[Sowjetunion|sowjetische]] [[Filmkunst]] ist berühmt für ihre Darstellung von Tristesse. Zum Beispiel [[Sergej Eisenstein]] verwendet im zweiten Teil von [[Iwan der Schreckliche I (Film)|Iwan der Schreckliche]] starke Kontraste und Spotbeleuchtung, um bedrohliche oder langweilige Szenen zu dokumentieren. Auch [[Andrei Arsenjewitsch Tarkowski|Andrei Tarkowski]] ist bekannt für minutenlange Kameraschwenks und [[Plansequenz]]en, die vor allem in seinem Film [[Stalker (Film)|Stalker]] zum Einsatz kommen. Post[[Apokalypse|apokalyptisch]] anmutende [[Kulisse (Bühne)|Kulisse]]n verfallender Industrielandschaften, in denen die Natur bereits wieder die Oberhand gewinnt, und der gezielte Einsatz von Schwarz-Weiß-Sequenzen schaffen hier eine dichte Atmosphäre zwischen Traum, Melancholie und Pathos, die durch ihre Tristheit besticht.
Triste Landschaften sind auch im nordischen Film verbreitet. Bei [[Nói Albínói]], einem [[Island|isländischen]] Film von [[Dagur Kári]], wird die Tristesse eines einsamen Dorfes auf Island beschrieben. Der [[Norwegen|norwegische]] Film [[Kitchen Stories]] von [[Bent Hamer]] thematisiert die Tristesse des Alltags eines einsamen alten Mannes.Der finnische Regisseur [[Aki Kaurismäki]] ist berühmt für seine tristen Kompositionnen, so dass er als der „''Chef-Melancholiker des europäischen Autorenkinos''“ gilt.<ref>Rainer Gansera: ''Down and Out in Helsinki und Hof, Begegnung mit Aki Kaurismäki.'' In: ''epd Film 12/2006'', Seite 25</ref>
Im US-Film steht Handlung mehr im Vordergrund, zwar wirken Filme von [[David Lynch]] ([[Lost Highway]]) oder [[Russ Meyer]] ([[Die Satansweiber von Tittfield]]) bedrohlich und düster, diese Filme sind jedoch so reich an [[Action]], dass sich Tristesse als Emotion nicht einstellt. Dies gilt auch für Endzeitfilmen wie [[Der Tag danach]] oder [[Mad Max]], die im Gegensatz zu Stalker, sehr handlungsreich und schnell sind.
=== Architektur ===
[[Bild:Tram stop Am Klinikum - Jena - Lobeda, Germany - December 2003.JPG|thumb|right|Plattenbauten in Jena-[[Lobeda]]]]
Während Profanbauten bis ins Mittelalter fast ausschließlich als Zweckgebäude errichtet wurden und nur die wohlhabenden Schichten Bauwerke schmückten, wurde im 20. Jahrhundert begonnen, über Lebensqualität nachzudenken. Innenstädte waren oftmals eng und dunkel, wirkten bedrohlich und wenig attraktiv.
:''An den Bauten und ihren Teilen, auch an anderen Dingen und Lebensäußerungen der dazwischenliegenden Jahrhunderte erkennt man deutlich, wie die Menschen freier und bewusster, die Bauten heller und leichter geworden sind. Für den modernen Menschen nicht mehr Festung gegen Feinde, Räuber oder Dämonen, sondern der unaufdringliche, schöne, befreiende Rahmen für das Leben und Gehaben, aufgeschlossen der Natur und doch allseitig ausgezeichnet geschützt vor ihrer Unbill, Tristesse, Wind und Wetter.''<ref>Prof. Ernst Neufert, Bauentwurfslehre, Bauwelt- Verlag / Berlin SW 68, 1936, Seite 33</ref>
In der Architektur wird Tristesse meist synonym für [[Plattenbau]]ten der 1970er Jahre verwendet. Wie in anderen Kunstrichtungen wechseln sich in der Geschichte der Architektur stark geschmückte Perioden mit weitgehend schmucklosen Stilen ab. Der [[Modernisme|Modernisme Català]] mit den bekannten Vertretern [[Antoni Gaudí]] und [[Lluís Domènech i Montaner]] war dabei eine extrem verspielte Version des in ganz Europa verbreiteten [[Jugendstil]]s. [[Bild:Acid tower (aka).jpg|thumb|left|180px|Der Crossener Säureturm]] :„''Die Modernisme ... fand in privaten und öffentlichen Bauten monumentalen Charakters sowie überschwenglicher Formen und Farben seinen Ausdruck. Er trieb die Handwerkskunst in den Bereichen Keramik, Eisenschmiede und Kunsttischlerei zu neuer Blüte...''“<ref>Maria Antonietta Crippa, und Antoni Gaudí, : ''Gaudi. Von der Natur zur Baukunst.'' Taschen Verlag, Köln 2003. Seite 11. ISBN 3822824429, Seite 11</ref>
Dieser Phase folgte eine triste und schmucklose Phase der [[Klassische Moderne|Klassischen Moderne]], in Deutschland als [[Bauhaus]] bekannt.
:„''Infolge der jammervollen Wohnverhältnisse in den Mietkasernen ist es vielfach sogar den besten Eltern nicht möglich, ihre Kinder körperlich, geistig und seelisch zu tüchtigen Menschen zu erziehen. Die Folgen der Tristesse sind Beschränkung der Kinderzahl und Ehelosigkeit.''“„“<ref>Handbibliothek für Bauingenieure, Städtebau, Prof. Dr. Otto Blum, Verlag von Julius Springer 1937, Seite 13</ref> [[Bild:Acid tower (aka).jpg|thumb|left|180px|Der Crossener Säureturm]]
Triste Gebäude bestehen aus einfachen geometrischen Formen, meist Quadern. Schmuckelemente sind selten oder nicht vorhanden. Für die Umsetzung dieser Bauform haben sich weitgehend Betonfertigteile durchgesetzt, die eine sehr effektive Bauweise darstellen. Ab Mitte der 1980er Jahre war der Trend zu erkennen, Plattenbauten mit Schmuckelementen zu versehen oder die Bauweise weniger deutlich zum Ausdruck zu bringen. Das wird beim [[Nikolaiviertel]] in Berlin-Mitte besonders deutlich.
Als trist wird auch oft funktionale Industriearchitektur angesehen. Seit der [[Klassische Moderne|Klassischen Moderne]] sind Industriebauten weitgehend schmucklos, die Form folgt der Funktion. Farben wurden nur verwendet, wenn sie einen baulichen Grund hatten, beispielsweise als Rostschutz. So entstanden Bauwerke, die allerorten weitgehend gleich aussehen. Dieser Trend wird erst in den letzten Jahrzehnten gebrochen. Industriebauten bleiben weiterhin relativ schmucklos, erhalten aber bunte Farben sowie Farbkontraste.
[[Bild:Berlin schlesische-str-7 bonjour-tristesse 20050224 p1010029.jpg|thumb|right|Wohnhaus „Bonjour Tristesse“ in Berlin-Kreuzberg]]
Ein Beispiel für ein als „trist“ angesehenes Gebäude ist das Wohnhaus „Bonjour Tristesse“ des portugiesischen Architekten [[Álvaro Siza]], das an der [[Schlesische Straße (Berlin)|Schlesischen Straße]] Nr. 8 im Berliner Stadtteil [[Berlin-Kreuzberg|Kreuzberg]] steht. Es wurde 1982/83 erbaut und schließt eine Kriegslücke im [[Altbau]]bestand der Straße. Der Entwurf Sizas sah pro Etage eine Ausstattung mit vier großen Wohnungen vor, die durch vier [[Treppenhaus|Treppenhäuser]] erreichbar sein sollten. Außerdem sollten in das [[Erdgeschoss]] verschiedene soziale Einrichtungen integriert werden. Aus Kostengründen wurde der Plan jedoch modifiziert. Heute bestehen zwei Treppenhäuser, über die 46 Wohnungen erreichbar sind.