Fahrrad einstellen

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Wie stelle ich mein Fahrrad ein?



Maße am Fahrrad

Als Erstes sollte man sich für einen bestimmten Fahrradtyp entscheiden. Verschiedene Fahrradtypen verlangen nach verschiedenen Rahmenhöhen, Fahrräder werden nicht nach den Zollgrößen (26", 28"...) in Größen eingeteilt, sondern nach Rahmenhöhen.

Nur wenn das Rad korrekt eingestellt ist, macht das Radfahren Spaß bzw. ist schmerzfrei möglich. Oft kann mit wenigen Millimetern Verstellung eine Veränderung geschaffen werden, die Beschwerden beseitigt.

Formeln sind nur bedingt geeignet, die richtige Rahmenhöhe zu bestimmen oder Einstellungen vorzunehmen. Sie können deshalb nur als bedingte grobe Anhaltspunkte dienen. Besonders die horizontale Verstellung des Sattels ist bereits im Millimeterbereich bemerkbar, insbesondere bei Fully-MTBs, da Veränderungen doppelt wirken: Was vorne mehr belastet wird, wird hinten weniger belastet. Das Einstellen des Fahrrades wird zu stiefmütterlich behandelt, viele Probleme könnten von vornherein umgangen werden, wenn man das einmal richtig macht. Was auf keinen Fall hilft, ist der Kauf eines nasenfreien Wundersattels, wie er vor allem im Internet immer wieder propagiert wird.

Als gute Daumenregel für die Sattelhöhe ist anzunehmen, dass man mit durchgedrücktem Bein die Ferse aufs Pedal setzt (so fährt man nicht) und dann stimmt die Sattelhöhe gegenüber den Pedalen sehr gut. Die Kurbellänge muss der Körpergröße angepasst sein- also 180 mm Kurbellänge bei einem Kinderrad ist zu vermeiden. Die restliche Einstellung ist schwieriger- Oberkörper und Arme sollten 90° Winkel haben. Wie tief man jetzt vorne herunter geht oder wie aufrecht man sitzen will - das ist Geschmackssache und Frage der Körperdimensionen. Meiner Erfahrung nach haben Frauen tatsächlich im Verhältnis zum Restkörper längere Beine, was zu einem kürzeren Fahrrad mit höherem Lenker führt, um die gleiche Sitzposition zu erreichen. Erwähnenswert ist, dass man NIE mit durchgestreckten Armen fahren sollte (Gelenke streckt man ohnehin nie beim Sport durch- vgl. einmal einen Handballtorwart). Und der Rücken sollte moderat gespannt sein (Es sei denn, man fährt ein Liegerad.) Wie bei jeder Sportart eben.

Dem Kind sollte man zuerst ein Fahrrad kaufen das technisch auf dem Stand der Technik ist, Optik sollte hier weniger eine Rolle spielen. Funktionierende Bremsen sind wichtiger als schickes Aussehen. Es gibt Kinderräder, die "mitwachsen", wie beispielsweise das Kids-Bike von BMW, welches erst als Laufrad benutzt wird und dann zum Fahrrad umgebaut werden kann.

Aber andere Fahrräder können auch mitwachsen: Dem Kind kann man ein MTB mit Sattelkerze, Kinder-Kurbelgarnitur (~160 mm Kurbellänge) und kurzem Vorbau, der nach unten geht, aufbauen. Und nach und nach schiebt man den Sattel nach hinten und zieht die Stütze heraus, dreht dabei den Vorbau nach oben und irgendwann baut man längere Kurbeln (Kinderkurbeln sind sowieso schnell verschlissen) und eine Sattelstütze, die etwas nach hinten geht, ein. Das habe ich bei einem Müsing Damen-MTB gemacht, wobei die allerkleinste Rahmengröße zu starke Kompromisse bedeutet hätte, da hier die Rahmenwinkel geändert sind, damit die Füße nicht mit dem Vorderrad kollidieren.

Zum Thema MTB mit 26 Zoll und 28 Zoll: Jedenfalls ist das Kind starkem Druck der Mitschüler ausgesetzt, weil es "nur" ein 26 Zöller und kein "richtiges" 28-Zöller-Rad fährt. Das ist tatsächlich auch arger Unsinn, da erstens die großen Übersetzungen von 50 auf 11 bei 28 Zoll bei Kindern NIE benötigt werden (Das wäre eine Entfaltung von fast 9 Metern!) und weiterhin sitzen viele Kinder mit ca. 14 Jahren - wie sagt man so schön - wie ein Affe auf dem Schleifstein- auf den 28ern. Dies ist der Verkehrssicherheit nicht förderlich.

Übrigens sind bei gekauften Kinderrädern meist die Lenker viel zu lang und die Bremsgriffe zu weit weg. Hier helfen Säge (und Feile danach) und Schraubenzieher.



Wundersattel


Wundersattel „EasySeat II“ ohne Nase, in der Breite verstellbar
Foto: Bernd Hutschenreuther, Lizenz: GFDL & CC-BY-SA
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Immer wieder kommt eine Hysteriewelle angeschwappt, in der von fahrradbedingter Impotenz gewarnt wird. [...] sind dies eher Probleme, die auf falsche Satteljustage und Auswahl eines falschen Sattels zurückzuführen sind und das Fahrergewicht nicht korrekt durch die Sitzhöcker getragen wird.
     Sheldon Brown

„Medizinische Sattel“, „Ergonomische Sattel“, „Nasenlose Sattel“, „Lochsattel“... usw.

Es gibt immer wieder Hersteller, die versprechen mit ihren Wundersätteln, daß mit denen alle Probleme beim Radfahren verschwinden. Da erscheinen mit schöner Regelmäßigkeit Sättel, die "ergonomisch" genannt werden, welche mit dicken Vertiefungen in der Mitte oder gar ohne Sattelnase. Glaubt nicht an solchen Werbeschmarrn! Da werden Märchen erzählt von Ärzten, die sowas verordnen oder die das Fahren mit normalen Satteln verbieten, da werden irgendwelche Studien vorgelegt, die irgendwas beweisen sollen. Die Praxis widerlegt das allerdings sehr schnell und glücklicherweise finden solche Produkte auch fast keine Käufer. Bewertungen in Internetforen sprechen eine klare Sprache, es lohnt, sowas mal zu googlen.

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Das Design sieht auf dem Papier gut aus, funktioniert in der Praxis eher schlecht.
     Sheldon Brown

Glaubt man der Werbung für diese Wundersättel, dann hätten alle Radfahrer Prostata- und Potenzprobleme. Seltsamerweise erfährt man über derartige Probleme ausschließlich von diesen Herstellern, Radfahrer beschweren sich nicht darüber.

Wenn es nach den Herstellern der Wundersättel ginge, würden alle bisherigen bewährten Modelle zu Teufelszeug erklärt werden...
  1. Sattel ohne Nase sind gefährlich, weil die Seitenführung fehlt. Man kann nicht mehr geradeaus fahren. Sowas ist nicht nur Menschenverdummung, solche Sattel gehören als lebensgefährlich eigentlich verboten[1]
  2. Die Funktion des Sattels ist physikalisch unmöglich, zumindest bei normaler Fahrweise höher als Schrittempo. In Kurvenfahrt ist die Fliehkraft FF identisch mit der entgegengesetzten Zentripetalkraft FN im Kraftangriffspunk S. S ist dabei der Schwerpunkt des Systems Fahrrad + Radfahrer, welcher in Höhe des Sattels liegt. Fliehkraft und Zentripetalkraft wirken entgegengesetzt und erreichen bei einem 80 kg schwerer Musterradfahrer bei 36 km/h und einem Kurvenradius von 20 Metern ca. 400 N, was wiederum einer vergleichbaren Gewichtskraft von 40,8 kg entspricht.[2] Im Schwepunkt S greifen ebenfalls die rechts- und linksdrehenden Momente nach Bild 76 (s. Quelle) an. Eine Vertikalkraft von 400 N ist unmöglich allein durch Reibung aufzubringen, diese wird von der Sattelnase aufgenommen. Es sei denn der Fahrer würde sich mit dem Rad "in die Kurve legen", wodurch bei idealer Lage die quer zum Fahrer wirkende Kraft sehr gering - theoretisch 0 - ist. Die Fliehkraft wirkt so zusammen mit der Schwerkraft parallel zur Hochachse des Fahrrads. Fortgeschrittene Fahrer, die in einer Kurve schon mal "aus dem Sattel gegangen" sind, wissen dass dies nur erfolgreich ist, wenn man nicht in der sonst üblichen "aufrechten" Kurvenhaltung verbleibt. Vorsicht: Die Technik funktioniert nur wenn der Fahrer sich und das Rad in Richtung der Kurveninnenseite neigt. Die volle Haftreibung kann zudem nur statisch auftreten, bei der Dynamik des Radfahrens ist die wirklich aufnehmbare Kraft erheblich geringer (jedes kleinste Schlagloch verringert die Haftreibung für einen Moment auf Null). Der Haftreibungskoeffizient von PVC liegt zwischen 0,1 und 0,5[3], der Gleitreibungsfaktor liegt deutlich darunter. Die auftretenden Kräfte wären also rein theoretisch bei optimalen Bedingungen schon nicht aufzubringen, in der Praxis aber niemals realisierbar.
  3. Der spezifische Druck steigt an, wenn Material in der Mitte fehlt (sogenannte „Lochsattel“). Je mehr Material in der Mitte fehlt, umso kleiner ist die Fläche des Allerwertesten, die die Gesamtmasse des Oberkörpers aufnehmen muß.[4]
  4. Sattel sind oft zu weich, deshalb kann man sich schnell einen „Wolf“ reiten. Ein weit verbreiteter Irrtum besagt, daß Sattel bequemer sind, je breiter und je weicher sie sind. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Gelsättel können schnell matschig werden und das ist dann wie Fahrradfahren auf einem Pudding.[5] Lediglich bei sehr kurzen Strecken ist sowas bequem.
  5. Brauchbar ist all sowas nur bei absolut aufrechter Sitzweise und völliger Entlastung des Lenkers, Fahrt ohne Kurven und Steigungen und sehr langsam - also quasi niemals.
  6. Wer einen nasenlosen Sattel ausprobieren möchte, baut einfach mal seinen Sattel falschrum aufs Fahrrad, packe ein dickes Kissen drauf und versuche, damit zu fahren Moneyeyes.gif Da freut sich nur Einer: der Hersteller dieses Unfugs
  7. Lochsattel können in Ausnahmefällen sinnvoll sein, hier hilft nur Ausprobieren. Ein Allheilmittel sind sie jedoch nicht. Da die fehlende Auflagefläche in der Mitte vom Rest des Sattels aufgenommen wird, erhöht sich der spezifische Druck umso mehr, je größer das Loch in der Mitte ist
  8. Kein seriöser Fahrradhändler verkauft solche nasenlosen Dinger, die von den Herstellern Sattel genannt werden. Der Fahrradgroßhandel hatte sie nie im Programm. Die werden schon wissen, warum.
  9. Es verhält sich damit wie mit Wundermittelchen zur Kettenpflege, pannensicherer Bereifung bzw. Vollgummireifen und vielem anderen Unfug am Fahrrad:
Nichts weiter als ein Mythos, eine moderne Sage
...und trotzdem fallen immernoch Leute darauf herein...

Nach SQLab erscheint ein weiterer Hersteller nasenloser Sattel auf dem Markt: Stollsteimer Radical bzw. Radical Ride. Neuer Name, alte Idee: genauso unbrauchbar wie alle anderen derartigen Sattel. Zumindest zum Radfahren ;)





Welcher Sattel?

klassischer Kernledersattel

Üblich sind Kunststoffsättel mit mehr oder weniger Polster Geleinlage. Dies mag im Normalfall eine gute Lösung sein, wenn man aber sportlich unterwegs ist, sollte man einen harten oder gleich einen Kernledersattel vorziehen. Wenn es schon ein Plastesattel sein soll, dann einer mit dünner Polsterung, sonst übersteht man keine langen Touren. Vertiefungen in der Mitte kamen in der Geschichte des Fahrrades immer wieder auf und sind momentan gerade wieder modern. Sie sollen den Sitzkomfort erhöhen, was allerdings nur sehr bedingt der Fall ist. Anatomisch sinnvoll sind derartige Sattel manchmal für Frauen.

Plastesattel mit moderater Vertiefung: bedingt geeignet
Foto: Roberta F. Lizenz: CC-BY-SA

Profis fahren knallharte Sättel, im Problemfall nehmen sie die schweren Kernledersattel. Diese erfordern zwar extrem viel Pflege, bieten aber einen unerreichbaren Sitzkomfort. Für den Normalverbraucher sind Kernledersattel die erste Wahl, allerdings auch vergleichsweise teuer. Man sollte den Sattel erstmal "backen" - also fett eincremen und bei maximal 60°C im Ofen backen. Oder besser, man schlägt auf ihn ein. Oder man wählt die schmerzhafte Methode, man fährt ihn 1000 km auf seinen eigenen Hintern ein. Mit der Zeit wird ein Kernledersattel besser als jedes Kunststoffteil. Zu beachten ist allerdings, dass man nie wieder mit hellen Hosen fahren kann (Bremsspur).

Wie fast immer gibt es natürlich Ausnahmen....



Rahmenhöhe

Bei derartigen Rahmen (Birdy Rohloff) versagt jede Tabelle, man kann nicht alles in Muster pressen.

Körper- und Rahmengrößen

Es gibt die verschiedensten Tabellen dazu... Je größer der Mensch, desto größer muß der Rahmen sein - die verschiedenen Berechnungsformeln können nur Anhaltswerte liefern, der Rahmen muß einfach "passen". Viele fahren mit zu kleinen Rädern rum und sind unzufrieden, ohne zu wissen, woran es liegt...

Die Rahmenhöhe wird meist von Mitte Tretlager bis Oberkante Sattelmuffe in cm gemessen.

Bei italienischen Rahmen ist dem angegebenen Maß 15 mm hinzuzurechnen, da diese Rahmen oft Mitte-Mitte gemessen werden.

Bei den momentan modernen Rahmen mit abfallendem Oberrohr kann man die passende Rahmenhöhe nur durch Probieren bestimmen.

Für Fahrer mit außergewöhnlich langen oder kurzen Armen oder Beinen kann dies nur eine grobe Orientierung darstellen. Frauen haben vergleichsweise längere Beine und fahren deshalb lieber kürzer gebaute Rahmen.

Größe MTB Treckingrad
Tourenrad
Crossrad
ATB
Cityrad
Reiserad Rennrad
1,65
41-44
46-48
48-50
50-52
1,70
44-46
48-50
50-52
53-55
1,75
46-48
50-52
52-55
55-57
1,80
48-50
52-55
56-58
57-59
1,85
50-52
56-58
59-60
59-61
> 1,90
52-54
58-61
60-64
61-64



Einstellung

Sattelhöhe

Kernledersattel Brooks Team Professional
  • neben das Fahrrad hocken, den Sattel in die Achselhöhle, dann sollte man mit der Mittelfingerspitze die Tretlagerachse gerade so erreichen
  • mindestens Lenkerhöhe, Sattel immer waagerecht montieren
  • der ausgestreckte Hacken sollte das untere Pedal gerade so berühren, mit dem Vorderfuß auf dem Pedal darf das Knie nicht ganz durchgedrückt sein
sinnvoll eingestelltes Fahrrad, allerdings ist der Rahmen zu klein, deshalb der Vorbau so weit herausmontiert. Die Bremsgriffe (siehe unten) sind korrekt angebracht

Die richtige Sattelhöhe ist das wichtigste Kriterium. Keinesfalls sollte das Fahrrad so eingestellt sein, daß man auf dem Sattel hin und her rutscht, weil der Sattel zu hoch ist und man die Pedale nicht mehr erreicht. Noch schlimmer ist ein zu tiefer Sattel, das Radeln wird dann sehr ermüdend, wenn man die Knie nicht (annähernd) durchdrücken kann. Schön sichtbar wird das bei BMX- und MTB-Fahrern, die einen viel zu tiefen Sattel haben. Mehr als einige hundert Meter halten sie nicht durch, dann gehen sie aus dem Sattel und fahren im Stehen.

Sattellage

Sattelnase zu sehr nach oben geneigt; Rahmen zu klein
  • Der Sattel soll waagerecht sein, es ist nicht übertrieben, das mit der Wasserwaage einzustellen, falls der Kloben es zuläßt. Bei gefederten Satteln muß man freilich ein bißchen improvisieren, da sie unter Belastung oft nach hinten kippen.
  • Die Sattelspitze sollte mindestens 2-5, in Extremfällen 10 cm lotrecht hinter der Tretlagerachse sein, der Wert hängt von Sattelform und ~länge ab, ebenso von der Rahmengeometrie. Ist der Sattel zu weit vorn, rutscht man beständig vom Sattel und kompensiert das mit Gegenstemmen, was ermüdet.
  • Ellenbogen an die Sattelspitze, dann soll der Mittelfinger etwa den Lenkerbügel berühren. Dieses Maß stammt vom Rennrad, es ist weniger streng zu handhaben. Je länger dieser Abstand ist, umso mehr „liegt“ man auf dem Rad.

Lenkerhöhe

hohe Lenker sind nur bei Hollandrädern üblich und sinnvoll
  • Etwa Höhe Sattel, besser etwas tiefer. Höhere Lenker bewirken aufrechtes Sitzen, was nur auf den ersten Kilometern bequemer ist.
  • Nur mit herkömmlichen Klemmvorbauten läßt sich die Lenkerhöhe exakt genug einstellen, Ahead-Set ist zu eingeschränkt und birgt durch scharfe Kanten Verletzungsrisiko
  • Hohe Lenker erscheinen bequemer, sind es aber nicht. Bei aufrechter Sitzposition wird das Gesäß wesentlich mehr belastet als bei sportlicher Position, bei der die Arme bis zu 40% der Oberkörpermasse tragen. Arme sind durch ihre gebeugte Haltung zudem selbstfedernd

Kurbellänge

Üblich sind 170 mm - es gibt auch kürzere (165mm) und längere Kurbeln bis 185mm. Formel: Schrittlänge x 0,2; ab Faktor 0,23 muß man mit Knieproblemen rechnen.

Bremsgriffe

Oft sieht man viel zu stark nach oben gedrehte Bremsgriffe. Einen Grund dafür gibt es nicht, höchstens den, daß sich jemand die Dinger einstellt, wenn er neben dem Fahrrad hockt? Derart falsch montierte Bremsgriffe sind gefährlich, da man in Gefahrensituationen kaum noch bremsen kann, ohne die Hände vom Lenkerbügel zu nehmen oder zumindest den Griff stark zu lockern. Die Bremsgriffe können, wenn sie ordentlich eingestellt sind, zur entspannenden Auflage der Hände beim lockeren dahingleiten dienen. Sie sollten etwa 15° nach unten zeigen.



Messungen

Für die allermeisten Messungen am Fahrrad reicht ein Zollstock aus, manchmal jedoch braucht man auch spezielle Meßgeräte.

  1. Meßschieber, auch als Schiebelehre oder Schublehre bekannt: Man kann einige genaue Maße wie Rohrdurchmesser von Sattelstütze, Lenkerbügel usw. nur bestimmen, wenn man sie genau mißt. Ein Zollstock reicht dazu nicht aus. Mittlerweile sind Meßschieber mit Digitalanzeige weit verbreitet und auch billig, das Ablesen der mechanischen Skale ist nicht jedermanns Sache.
  2. Laserentfernungsmesser sind genauer und bequemer als ein Zollstock. Allerdings verleitet die große Genauigkeit auch dazu, beispielsweise beim Speichenrechner viel zu genaue Maße anzugeben.
  3. Multimeter dienen der Messung elektrischer Größen. Am Fahrrad wird man im Wesentlichen nur Durchgangsmessung zur Prüfung von Kabeln und zum Aufspüren von Kurzschlüssen brauchen.
  4. Meßgeräte zur Speichenspannung existieren zwar, fristen aber ein Nischendarsein. Wer regelmäßig einspeicht, kann die Speichenspannung mit der Hand einschätzen.
  5. Luftdruckmesser für die Messung des Reifendrucks sind an Standpumpen eingebaut, ebenso an Tankstellen. Man kann das auch mit den Fingern prüfen, zuverlässiger ist jedoch eine korrekte Messung. Ein ausreichender Luftdruck wird oft vernachlässigt, ist jedoch für leichtes Rollen des Fahrrads und Schonung der Reifen sehr wichtig.
  6. Endoskop: die gibts mittlerweile auch bezahlbar, man kann damit prima Hohlräune absuchen und nach Rahmenbruch usw. suchen, den man von außen nicht entdeckt, weil der Lack unbeschädigt ist.

Über Meßgeräte für sämtliche Parameter kann man sich im Netz informieren.



Aktuelle Modeerscheinungen

Viele moderne Rahmen sind prinzipiell klassische Diamantrahmen (hier: BMW Modell 2006).

Wegen seiner guten Eigenschaften wird der Diamantrahmen mit Abwandlungen selbst bei extravaganten Fahrrädern verwendet. Diamatrahmen haben eine hohe Steifigkeit bei vergleichsweise geringem Gewicht.

Immer wieder wurden andere Rahmenformen probiert, der Diamatrahmen hat sich letztlich als Optimum erwiesen. Momentan gibt es einige Modeerscheinungen, die etwas von der klassischen Geometrie abweichen:

Abfallendes Oberrohr

stark abfallendes und geknicktes Oberrohr

Ein abfallendes Oberrohr (denglich Sloping) ist gerade in Mode, es ist bei Mountainbikes schon länger Standard und wird in letzter Zeit auch bei Rennrädern verwendet. Das eingesparte Material soll angeblich die Masse vermindern und die Bewegungsfreiheit beim Absteigen vergrößern. Die Gewichtseinsparung gibt es allerdings nur bei teuren Rädern, da die im Massenmarkt üblichen schweren Sattelstützen die Gesamtmasse des Rades sogar erhöhen. Nachteilig ist zudem, daß kleinere Rahmen weniger verwindungssteif sind als große.

Die Bewegungsfreiheit wird nicht verändert, da man bei Herrenrahmen prinzipiell nur mit dem Bein über den Sattel ab- und aufsteigen kann, diese Aussage ist reine Werbung ohne Inhalt. Wenn man wie bei Damenrädern aufsteigen kann, ist der Rahmen zu klein.

Hochgezogene Kettenstreben

Hochgezogene Kettenstreben erlauben es, das Tretlager höher zu legen, wodurch die Gefahr eines Aufsetzens der Pedale in bei steiler Kurvenlage verringert wird . Allerdings reichen die Füße des Fahrers an der Ampel bei dieser Rahmengeometrie nicht mehr auf den Boden, man muß dazu vom Sattel absteigen. Derartige Rahmengeometrien sind auch nicht neu, Kriteriumrahmen sind prinzipiell mit hochgelegtem Tretlager konstruiert.

Fette Rohre

Typisches Billigrad mit total überdimensionierten „Rohren“

Die Durchmesser des Unterrohres werden bei Materialien mit schlechterer Belastbarkeit wie etwa Aluminium extrem vergrößert. Dabei wird prinzipiell eine ovale Form bevorzugt, die eine möglichst große Werbefläche quer zur Fahrtrichtung aufweist. Technische Gründe für derart vergrößerte Rohre liegen nicht vor, wie man an Rädern der oberen Preisklasse erkennen kann. Recht bekannt ist ein Baumarkt-MTB, das auch noch den Namen eines italienischen Designers ziert (siehe Foto) Übergroße Rohre in Kombination mit billigen 1"-Rohren treten in verschiedensten Lackierungen auf, dieses grüne Modell ist sowas wie der Prototyp dieser Art Billigräder. Irgendwie sieht man ihm sein Gewicht schon an...

Fette Felgen

Ebenso wie dicke Rohre ermöglichen V-Felgen eine deutlich sichtbare Werbefläche. Beim Normalfahrrad sind solche Felgen jedoch Unfug, die Aerodynamik spielt erst im Hochleistungssport eine Rolle, die geringfügig höhere Stabilität wird mit deutlich gesteigerter Masse erkauft, die auch noch beschleunigte Masse ist.

Speichenanzahl und Speichenbilder

radiale Einspeichung (links) und klassische 3-fach Kreuzung (rechts)

Ebenso als Modeerscheinung sind Laufräder zu werten, die weniger als 36 Speichen aufweisen. Angeblich ist die geringere Masse eine Errungenschaft, außerdem weniger Luftverwirbelungen.

Während Ersteres noch indirekt stimmt, ist die Geschichte mit den Verwirbelungen erst jenseits der 40 km/h meßbar, für Alltagsradler also irrelevant. Die Speichen wiegen auch nicht so viel, daß es für Otto-Normalo interessant wäre, an den Reifen kann man viel mehr Masse sparen.

nur für Leistungssportler interessant: besondere Speichenmuster

Weniger Speichen bedeuten höhere Last je Speiche. Dies ist am Vorderrad sogar noch verschmerzbar, hinten jedoch braucht man bessere Felgen, um dies zu kompensieren. Radial eingespeichte Laufräder sind Geschmackssache, vorn und hinten links ist das machbar, hinten rechts unmöglich. Bei radialer Speichung ist die Speichenspannung viel höher als sonst, auch werden die Nippellöcher unvorteilhafter belastet.

Eine Ausnahme können Laufräder mit Nabenschaltung sein. Während bei einer Kettenschalötung außermittig eingespeicht wird, damit die rechten Speichen etwa die doppelte Last der linken haben, werden Getriebenaben symmetrisch eingespeicht. Hier kann man durchaus auf einige Speichen verzichten. Allerdings sind Naben und Felgen mit 32 oder weniger Speichen relativ selten.

Laufräder mit Vierfachkreuzung können bei 28" sinnvoll sein, bei kleineren Rädern neigen die Naben zum Ausreißen.

Wenige Rahmengrößen

hier stimmt irgendwas nicht, entweder ist der Rahmen zu groß oder der Fahrer kann die Beine beim Fahren nicht ausstrecken

Teilweise werden Rahmengrößen nicht mehr in Millimetern angegeben sondern in (amerikanischen) Bekleidungsgrößen, also S-M-L-XL. Dies hat für Hersteller den Vorteil, daß man viel weniger Modelle anbieten muß, dem Kunden wird eine Rahmengröße suggeriert, die womöglich mehrere Zentimeter vom Optimum abweicht. Vergleichswerte fehlen, ein Rahmen der Größe S kann von 50 bis 56 mm reichen.

In Verbindung mit den abfallenden Oberrohren, die eine Zahlenangabe ohnehin schwierig machen, wird so eine korrekte Bestimmung der richtigen Rahmenhöhe zum Glücksspiel.

Hersteller verkaufen das Ganze gerne als Errungenschaft, da man sich eine Bekleidungsgröße ja viel eher merken kann als einen Zentimeterwert. Also bleibt nur Nachmessen oder Probieren.



Weiterführende Links


Literatur

  • Walter Sattig und Bernhard Kneuertz: Der Fahrrad Mechaniker, 5. Neuaflage 2012 als Nachdruck der 4. Auflage von 1950, ISBN: 978-3-935517-62-1
  • Michael Gressmann: Fahrradphysik und Biomechanik, 10. Auflage, Moby Dick Verlag, Kiel 2005, ISBN: 978-3768852227
  • Rüdiger Bellersheim, Ernst Brust, Michael Gressmann, Dietmar Hertel, Franz Koslar: Tabellenbuch Fahrradtechnik, Europa-Lehrmittel; 2. Auflage 2011, ISBN: 978-3808523322
  • Michael Mertins: Sättel, Taschen und Gamaschen, die Geschichte der ersten deutschen Fahrradsattelfabrik im Spiegel der Zeit; Schriftenreihe zur Fahrradgeschichte Band 7; Historische Fahrräder e. V. 2013; ISBN: 978-3-00-042198-3

Fußnoten

  1. ADFC Bielefeld: „...verminderten Seitenführung durch die Oberschenkel, einem schwammigen Sitzgefühl gerade bei Kurvenfahrten und damit zu einer verminderten Verkehrssicherheit des Rades.“
  2. Michael Gressmann: Fahrradphysik und Biomechanik, 11. Auflage 2010 Verlag Delius Klasing, ISBN 978-3-7688-5222-7, Seiten 85ff
  3. Kennwertspeicher der TU Dresden: Haftreibungskoeffizient µ0 verschiedener Flachformgüter und Gegenstoffen (archiviert bei archive.org)
  4. Der Kern des Ledersattels
  5. Radreise-Wiki: Sattel

Links



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