Fahrradgeschichte

Aus Fahrradmonteur
Zur Navigation springenZur Suche springen

Inhalt


Laufmaschinen 1817 - 1865

Es gilt mittlerweile als gesichert, daß die Basisversion des Zweirades allein Karl von Drais im Jahr 1817 zuzuschreiben ist. Die ursächliche Erfindung kam also aus Deutschland, alle weiteren Entwicklungen zum Fahrrad kamen aus anderen europäischen Ländern.

Anlaß für die Zweirad-Erfindung könnte laut Hans-Erhard Lessing das „ Jahr ohne Sommer“ infolge des Tambora-Vulkanausbruches, der 1816/17 zu Hungersnot und Pferdesterben führte, gewesen sein. Ein Pferdeersatz erschien damals sinnvoll. Ob diese These stimmt, ist fraglich. Der Ausbruch des Tambora in Indonesien ist wissenschaftlich bewiesen. Er wird als deutlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und jener von Krakatau 1883.[1] Heute wird angenommen, daß neben einem Ausbruch in Kolumbien 1808/09 auch die allgemeine Reduzierung der Sonnenaktivitäten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Ursache des Jahrs ohne Sommer war. Es kam 1816 zu Hungersnöten wegen Ernteeinbußen, deutlichen Preissteigerungen für Lebensmittel und zu Überschwemmungen. Ob das aber wirklich so unmittelbar und kurzfistig zur Erfindung von Drais führte, ist unwahrscheinlich.

Die Laufmaschine wurde bald nach ihrem Erfinder Draisine genannt (französisch le vélocipède oder la draisienne, englisch the velocipede bzw. draisine). Die Fahrer wurden Draisinenreiter genannt. Diese Laufräder hatten nur wenige Jahre Erfolg, die Obrigkeit und Studenten verfolgten die Reiter. Die Erfindung geriet etwas in Vergessenheit

Da die Leute Angst vor dem balancieren hatten, griffen sie lieber auf mehrspurige Velozipede zurück, die Fahrer wurden Velozipidisten genannt. Etwa 50 Jahre später kamen Rollschuhbahnen auf, die Bevölkerung war nun eher bereit, das balancieren zu wagen

Nun wurde das Fahrrad "vélocipède bicycle" genannt, also "zweirädriges Fußrad"



Pedalvélocipèd 1865 - 1880

James Moore (rechts) und der Zweitplazierte Jean-Eugène-André Castera am Ende von Paris-Rouen

Erstmalig traute man sich, die Füße auf Dauer vom Boden zu nehmen und das Fahrzeug über am Vorderrad befestigte Tretkurbeln zu betätigen. Einen deutschen Namen gab es bis 1885 nicht, die Entwicklung der Technik wurde maßgebend von Frankreich, später von England bestimmt. Aus diesem Grund sind noch heute viele maße am Fahrrad in Zoll angegeben, teilweise sind es Mischungen aus Zoll und metrischen Angaben.

Die Engländer übernahmen das französische Wort bicycle unübersetzt als Fremdwort in ihrem Sprachgebrauch. Die ersten Fahrräder erreichten Gewichte von bis zu 75 kg, waren Vollstahlkonstruktionen. Aufgrund der mittlerweile stark gestiegenen Akzeptanz in der Bevölkerung wurde die Technik schnell weiterentwickelt, Velociped-fahren wurde um 1870 zur Modeerscheinung in Paris, London und New York. In Deutschland bekam man von all dem erst Jahrzehnte später etwas mit.

Die Franzosen waren in ihre Maschine vernarrt und veranstalteten erste Sportveranstaltungen, am 8. Dez. 1867 fand das erste Radrennen der Welt in Paris statt. Etwa 100 Teilnehmer starteten auf den Champs-Elysées und fuhren etwa 23 km bis zum Schloß von Versaille. Das zweite Rennen fand am 24. Mai 1868 am Pré Catalan im Bois du Boulongne statt.

Das wichtigste Rennen aus Sicht der Entwicklung der Fahrradtechnik war das dritte Rennen überhaupt. Am 31. Mai 1868 gewann beim Rennen im Parc de Saint Cloud, einem westlichen Vorort von Paris, der Engländer James Moore auf einem Michaux-Veloziped, welches in den Folgejahren im Massenmarkt sehr beliebt wurde. Später benutzte er ein Suriray-Veloziped, dies war die beste verfügbare Technik der damaligen Zeit. Diese Fahrräder hatten modernste Komponenten wie Kugellager, Vollgummireifen auf Metallfelgen, Freilauf, ein 1.150 mm großes Vorderrad und ein halb so großes Hinterrad. Mit diesem Fahrrad gewann er auch das erste Langstreckenrennen der Welt, Paris-Rouen über 122 km am 7. Nov. 1869.

Durch den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 wurde die Weiterentwicklung erstmal etwas gestoppt. Es gab erste Ideen, die Velozipede im Krieg einzusetzen, praktisch einsetzbar waren Fahrräder erst einige Jahrzehnte später.

Während in England und den USA die Entwicklung der Hochräder vorangetrieben wurden, entwickelten die Franzosen noch etwa 10 Jahre ihre Velocipede weiter. Bei Radrennen wurde sogar die Regel eingeführt, daß die Vorderräder den Durchmesser von 1.000 mm nicht überschreiten dürfen.

Wichtige Radsportereignisse konzentrierten sich auf Frankreich (Herren) bzw. Frankreich und Belgien (Frauen). Frauenrennen waren damals sehr beliebt. Die ersten Jahre wurden von der Amerikanerin "Miss America" Turner und einer Miss Olga aus Moskau dominiert, bei den Rennen waren schon Tausende Zuschauer anwesend. Die genannte Russin war trotz ihrer jungen Jahre (sie war 1869 noch nicht 20) sehr erfolgreich und gewann auch Männerrennen.



Hochrad 1880 - 1890

In den Jahren ab 1870 wurden viele Einzelheiten der Fahrradtechnik verbessert. So erfand man den Knicklenker, bei dem beide Räder zum Lenken enschlagen konnte, den X- und später den Diamantrahmen, die Zugspeichen (in England). Stahlfelgen wurden durch leichtere Holzfelgen ersetzt (die bis etwa 1960 Verwendung fanden).

Der Franzose Gonel patentierte 1867 schon das Zugspeichenrad, erweiterte dieses Patent 1869 auf Velozipede. Allerdings patentierte Eugène Meyer das Spinnwebrad im gleichen Jahr, ihm wurde dieses Patent allerdings wieder aberkannt.

Nach und nach vergrößerten anfangs vor allem englische Hersteller die Vorderräder, bei gleichzeitiger Gewichtserparnis durch modernere Materialien. Mit den größer werdenden Vorderrädern wurden die Hinterräder immer kleiner. Der große Durchmesser des angetriebenen Rades bewirkte eine Art Schwungradeffekt, gleichzeitig werden Bodenunebenheiten besser ausgebügelt.

Die Entwicklung der Hochräder wurde in England und den USA geprägt. Das Fahren mit den Fahrrädern war gefährlich und schwierig. Erstmals 1885 versuchte Hery Sturmey, eine Übersetzung am Vorderrad anzubringen. Sein "Safety"- Fahrrad (Kangaroo genannt) war ein mittelhohes Hochrad, er konnte von diesem bereits mit Kettenantrieb ausgestatteten Fahrrädern mehr als 100 pro Woche verkaufen.

Parallel entwickelten sich verschiedene Formen von Dreirädern als aristrokratische Version des radfahrens. Dreiradfahrer galten als Würdevoll, Dreiräder waren sehr teuer.

Das erste Radrennen der USA fand am 11. und 12. Sep. 1879 in der Nähe von Boston statt. Es nahmen 40 Hochradfahrer teil, sie erreichten ein Durchschnittstempo von ca. 13 km/h.

Mit der Patentierung des Luftreifens am 7. Dez. 1888 durch den schottischen Tierarzt John Boyd Dunlop endete die Ära der Hochräder abrupt, weil ihr eigentlich einziger Vorteil, die bessere Abrollqualität, mit Luftreifen auch mit kleineren Laufrädern erreichbar war. Hochräder wurden noch bis etwa 1893 hergestellt



Sicherheits- Niederrad ab 1890

Das Niederrad wurde durch die Anbringung des Kettenantriebes zum Hinterrad möglich. Wann genau und von wem die heutige Form des Fahrrades erfunden wurde, ist umstritten. Es gibt 3 mögliche Varianten:

  • Meyer & Compagnie soll 1869 nach Entwürfen des Uhrmachers André Guilmet ein Niederrad gebaut haben. Dieses wurde als Meyer-Guilmet-Fahrrad bezeichnet. Da der Name Meyer nur auf den Naben eingraviert ist, wird vermutet, dass nur die Laufräder so früh von ihm gebaut wurden.
  • Der Engländer George Shergold soll zwischen 1876 und 1878 ein Fahrrad mit Kettenantrieb und Schubstangenlenkung gebaut haben. Einzelne wichtige Teile an diesem Fahrrad scheinen jünger zu sein, was zu Zweifeln führt.
  • Henry John Lawson baute 1876 das erste Niederrad mit einem Raddurchmesser von 1.270 mm.

1879 stellte Lawson die "Bicyclette" vor, welche einen Durchbruch in der Fahrradtechnik bedeutete. Dieses Fahrrad war vollgefedert, es besaß insgesamt 7 Blattfedern. Allerdings hatten diese frühen Niederräder noch einige Nachteile wie indirekte Lenkungen und zu kleine Vorderräder.

John Kemp Stanley brachte 1885 das Sicherheitsfahrrad Rover (Wanderer) heraus, welches erstmals ein größeres Vorderrad hatte. Noch im gleichen Jahr wurde die Schubstangenlenkung durch eine direkte Lenkung ersetzt. Ab etwa 1890 wurden dann fast ausschließlich Varianten dieses Rover gebaut. In Polen werden Fahrräder heute noch allgemein als Rover bezeichnet. Ab 1885 war die Bezeichnung "Bicyclette" bzw. "Bicycle" üblich, man sprach nicht mehr "Vélocipèd".

Zwischen 1885 und 1900 hatten fast alle Fahrradmodelle großzügig dimensionierte Federsysteme, weil der Straßenzustand sehr schlecht war. Ab 1887 wurden serienmäßig auch Fahrräder für das Militär hergestellt.

In Frankreich, England, den USA und nun auch Deutschland erweiterten vor allem Nähmaschinenfabrikanten ihre Produktpalette und stellten ab etwa 1892 Fahrräder her. Die ersten italienischen Niederräder entstanden 1884 bei Constantino Vianzone in Turin. Es waren Holzrahmen, sie hatten gleich große Räder und Reifen aus Hanf. Wenige Jahre später baute Edoardo Bianchi erste Fahrräder mit Kreuzrahmen nach englischem Vorbild.

Das erste Radrennen mit Fahrrädern mit Luftreifen fand am 18. Mai 1889 im Sportstadium von Queen's College in Belfast statt. Die dicken Luftreifen wurden vom Volk anfangs verspottet und erhielten verschiedene Spitznamen: "Blasenräder", "Pudding-Räder", "Windbeutel" oder "Leberwurst-Reifen".

Mit dem ebenfalls erstmals um 1885 aufkommenden Diamantrahmen existierte um 1890 das heute noch gebräuchliche Fahrrad. Alle weiteren Entwicklungen und Erfindungen betreffen lediglich Komponenten oder sind Wiederholungen bereits vorher existierender Konstruktionen.



Fahrradgeschichte in Wort und Bild

Skizze von Leonardo da Vinci ???
Urheber: umstritten, entweder Leonardo da Vinci († 2. Mai 1519), einer seiner Schüler (Francesco Melzi) und/oder unbekannter Fälscher aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
Lizenz: gemeinfrei aufgrund 70 Jahre p.m.a. oder gesetzlich geschützt (Fälschung)

Urheberrechtlich geschütztes Werk; eingebunden als Bildzitat nach § 51 des deutschen Urheberrechtsgesetzes

Einige Jahre glaubte man, bereits Leonardo da Vinci hätte um 1490 das Fahrrad erfunden. Dies wäre nicht sehr verwunderlich, weil ihm die (theoretische) Erfindung des Hubschraubers, ein dampfgetriebenem Panzer, der Taucheranzug und ein federgetriebenem Auto noch heute zugeschrieben werden. Die 1974 aufgetauchten angeblichen Zeichnungen von Leonardo wurden aber wenige Jahre später als Fälschung entlarvt.

Bereits 1791 sollte der Französische Comte de Sivrac mit einem ungelenkten Zweirad namens célérifere oder vélocifere gefahren sein. Dies behauptete der Journalist Baudry de Saunier genau 100 Jahre später in seiner "Historie de la Vélocipédie". Diese Aussage wurde 1976 als Verfälschung des Importprivilegs für eine gleichnamige Kutsche entlarvt, die 1817 erfunden wurde.

Die Erfindung des Trethebel-Zweirades des Schotten MacMillan von 1838 entpuppte sich als 1869er Erfindung von Thomas McCall.

Auch in Deutschland wurden Fälschungsversuche unternommen. Der Klavierbauer Philipp Moritz Fischer baute 1869 ein französisches Pedal-veloziped nach. Der Schweinfurter Stadtsekretär Zorn datierte dies ohne Beweise auf 1853 zurück.

Und auch die Theorie von Lessing, daß ein Vulkanausbruch Ursprung der Fahrraderfindung war, ist mittlerweile umstritten.

Die im folgenden als Grobgliederung dargestellten Jahreszahlen stellen nur sehr grobe Eingrenzungen dar.



Wer hat es erfunden?

Wer hat das Fahrrad erfunden?

Diese Frage ist ziemlich exakt zu beantworten. 1853 baute Philipp Moritz Fischer aus Schweinfurt das erste sicher belegte Fahrrad mit Tretkurbelantrieb. Das Pedal befand sich an der Achse des Vorderrads. Es war nicht Freiherr von Drais. Der hat das Laufrad erfunden, nicht das Fahrrad.



jüngere Geschichte

Bereits im ersten Weltkrieg wurden vereinzelt Fahrräder eingesetzt, eine nennenswerte Verbreitung fanden sie nicht. Die konservativen Armeeführungen setzten mehr auf die altbekannten Pferde. Dies änderte sich erst im zweiten Weltkrieg. Fahrradsoldaten waren flexibel, schneller als zu Fuß und benötigten kein Benzin. Das Fahrrad diente dabei aber nur im Hinterland und besetzten Gebieten als Fortbewegungsmittel, für Kampfhandlungen ist es ungeeignet.

In der deutschen Armee wurden Fahrräder mit fortlaufendem Krieg immer wichtiger, weil Nachschub an Benzin oft nicht gewährleistet werden konnte. So wurden in den letzten Kriegsjahren Fahrräder von Privatpersonen - selbst in Deutschland - konfisziert, um sie der Armee zur Verfügung zu stellen. Selbst Kuriere waren auf dem Fahrrad unterwegs, besonders in den letzten Kriegsmonaten hatte man kein Benzin mehr für Motorradkuriere.

Im Vietnamkrieg war das Fahrrad das wichtigste Verkehrsmittel der Vietnamesen. Mit Fahrrädern wurden nicht nur Informationen, sondern auch Kriegsgerät, Munition, Waffen usw. durch den Urwald transportiert. Die Vietnamesen hatten dank des Fahrrades oft einen erheblichen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber den amerikanischen Soldaten.

Auch in modernen Armeen werden Fahrräder vereinzelt als Transportmittel eingesetzt. Die Schweiz hatte bis vor wenigen Jahren Fahrrad- Einheiten. Üblich sind Fahrräder weiterhin vor allem in Fernost. Dabei sind überwiegend sehr pflegeleichte Modelle in Gebrauch, Schaltungen sind - wenn überhaupt - nur Nabenschaltungen in Gebrauch.

  • 1902 - erstes deutsches Patent für eine Schaltungsnabe der Fa. Wanderer
  • 1907 - erste marktreife 2-Gang-Nabe von Fichtel & Sachs
  • 1913 - Universal-Torpedo (4-Gang-Nabe) von Fichtel & Sachs
  • 1925 - Patent einer 5-Gang-Nabe durch Sturmey & Archer
  • 1926 - Torpedo-3-Gang von Fichtel & Sachs
  • 1928 - erste Kettenschaltung, gestängebedient von Campagnolo
  • 1931 - erster Überwerfer von Campagnolo
  • 1938 - erste Drehgriffschalter an Mofa's
  • 1985 - erste Indexschaltungen (Sachs Commander und Shimano Positron)
  • 1988 - erste zuverlässig funktionierende 5-Gang-Nabe: Sachs Pentasport
  • 1990 - Kassetten wechseln die bisherigen Schraubkränze ab
  • 1995 - erste 7-Gang-Nabe von Sachs
  • 1999 - 14-Gang-Nabe Rohloff Speedhub 500/14
  • 2002 - 8-Gang-Nabe von Shimano
  • 2006 - 9-Gang-Nabe von SRAM
  • 2011 - 11-Gang-Nabe von Shimano; Systemvergleich Rohloff Speedhub 500/14 vs. Shimano Alfine SG-S700





Weiterführende Links

Fußnoten

  1. Ronald D. Gerste: Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-94922-3, S. 192.